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Berlin 20:30 - Tehran 22:00 - Los Angeles 11:30 Montag, 01.12.2008
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EINE BEGEGNUNG
Shirin Ebadi - Die mutigste Frau im Iran?

(Von Araz für Iran-Now Network)

INN: Eine Begegnung mit Shirin Ebadi, Friedensnobelpreisträgerin, Anwältin, Schriftstellerin.


Ein persönlicher Bericht von Araz.

Unglaublich, eine Riesenschlange. Zu meinem Erstaunen, stelle ich fest, dass mehr Deutsche zu der Lesung im Kulturkaufhaus Dussman gekommen sind, als Iraner. Und dann auch zum größten Teil Frauen. Ich frage mich, während ich die Menschenmenge beobachte, was für Erwartungen die deutschen Frauen an Shirin Ebadi haben.

In der Brigitte Ausgabe vom März wurde Frau Ebadi als mutigste Frau im Iran tituliert. Doch was hat sie gemacht, dass man sie so nennen kann? Ist sie mutig genug um die Wahrheit zu sprechen? Ehrlich gesagt sind meine Erwartungen an Frau Ebadi hoch. Hinter mir höre ich eine Frau sagen: „Ich dachte die ganze iranische Gemeinde ist hier, aber so viele sind es gar nicht.“

Ich entdecke eine Kamera. Wir werden aufgezeichnet. Und dann bewegt sich die Schlange. Auf geht’s! Glück gehabt: Ich hab trotz der Überfüllung einen Sitzplatz bekommen. Wieder schaue ich mir die Menschen an. Ab und an entdecke ich ein orientalisches Gesicht. Vermutlich Iraner. Ich frage mich, ob die hier anwesenden Iraner stolz auf Frau Ebadi sind - oder ob sie genauso viele Fragen haben, wie ich.

Es ist 18:07 Uhr. Eine Nebentür öffnet sich - und Shirin Ebadi betritt die Bühne. Die meisten stehen auf und klatschen. Sie hebt zur Begrüßung die Hände und lächelt. Shirin Ebadi ist eine kleine Frau mit offenen, blond gesträhnten Haaren. Noch ein paar Fotos. Hände schütteln und dann tritt die Sprecherin des Verlages hervor.

„Der Verlag ist stolz, das im Programm zu haben. Jetzt wo in den Medien ein differenziertes Bild vom Iran existiert, ist es……“ Und so weiter und so fort. Ich schaue mir nur diese kleine Frau da vorne an. Versuche mir eine besseren Sicht zu ihr zu erkämpfen, doch so recht gelingt es mir nicht. Es ist einfach zu voll.

Dann beginnt die Lesung. Geführt wird sie durch die Schauspielerin Heide Simon. Ich höre ihr zu und erfahre mehr aus dem Leben Shirin Ebadis. Erfahre, dass sie 26 Tage in Einzelhaft war. Shirin Ebadi schaut interessiert in die Runde und hört genauso wie ich, erstmal nur zu. Im Buch schreibt Shirin Ebadi, dass sie für die Revolution war, dass sie damals daran glaubte.


Kapitelsprung

Heide Simon liest von dem Erlebnis Shirin Ebadis, als sie ihren Namen auf der Todesliste las. An dem Abend war Parastou Fourouhar (Tochter des ermordeten Ehepaars Fourouhar) auch bei ihr. Sie schreibt, wie sie las, dass der Mörder eine Erlaubnis einholen musste und drauf drang, nicht bis zum Ende des Fastenmonats Ramadan zu warten.

Ich überlege; wenn Shirin Ebadis Name tatsächlich auf der Todesliste stand, warum ist sie dann nicht tot? Und warum will die Regierung sie jetzt nicht mehr töten? Ich höre noch einige Statements wie: „Der Glaube an eine positive Auslegung des Islams.“

Um 18.34 Uhr ist die Lesung beendet und das Interview beginnt. Geführt wird es durch Herrn Dieter Bednarz einem Spiegelredakteur.


Frau Ebadi, als sie nach Erhalt des Friedensnobelpreises in den Iran zurückkehrten, sahen sie eine Frau mit einem Schild in ihren Händen, worauf stand: „Das ist der Iran.“ Wie haben sie diesen Satz empfunden?

Shirin Ebadi: Als ich noch ein Kind war, bin ich jedes Mal, wenn ich eine gute Note in der schule erhielt, voller Stolz zu meiner Mutter gelaufen um sie ihr zu zeigen. Als ich diesen Preis erhielt, wollte ich wie damals wieder zu meiner Mutter laufen und ihn ihr zeigen. Dieser Preis ist eine Ehre und er gilt für die jahrelange Arbeit für ein demokratisches Iran. Ich bin lediglich die Empfängerin.


Machen wir einen Sprung zurück in die Vergangenheit. Frau Ebadi, was hat Sie an der Revolution fasziniert?

Shirin Ebadi: Zu der damaligen Zeit war die Parole der Revolution: Unabhängigkeit und Freiheit. Und man sagte uns, dass in einer Islamischen Republik, diese beiden Werte umgesetzt werden würden. Welcher Iraner hätte sich da nicht angezogen gefühlt von dieser Parole?

Zu Schah-Zeiten, nach dem Putsch von 1953, war die Regentschaft des Schahs stark amerikanisiert. Es gab keinen Fortschritt, besonders was die Ölförderung und den Verkauf des Erdöls betraf. Für die Meisten galt der Schah als Gendarm des Nahen Ostens. Und in jener Situation waren diese Parolen eine Genugtuung. Zu Schahs Zeiten gab es die individuelle Freiheit. Man konnte sich kleiden, wie man wollte, man konnte trinken. Doch eine politische Freiheit existierte nicht. Als Beispiel: In der gesamten Herrschaft des Schahs gab es nie freie Wahlen. Jeder Kandidat musste erst eine Bestätigung des Schahs haben, bevor er in die Wahllisten eingetragen werden konnte.

Im Laufe der Zeit jedoch bastellte der Schah an seiner eigenen Partei. Die anderen Parteien wurden durch den Schah aufgelöst und alle Iraner mussten Mitglieder dieser Partei sein. Wer sich weigerte, war ein Verräter gewesen und durfte jederzeit für wenig Geld sein Reisepass ausgestellt bekommen und den Iran somit verlassen.

In solch einer Situation waren alle für diese Parolen. Manchmal treffe ich junge Menschen, die mir dann vorwerfen dass wir Schuld an ihrer Situation seien. Dann sage ich: „Was hättet Ihr getan, wenn Ihr diese Parolen gehört hättet? Ihr hättet dasselbe getan.“


Frau Ebadi, was lief schief nach der Revolution?

Shirin Ebadi: Sie lächelt. Haben sie keine einfachere Frage? Diese Frage zu beantworten dauert sehr lange.Ich werde jedoch versuchen, sie in einigen wenigen Sätzen zu beantworten. Einer der Gründe war, dass im ausklingenden 20. Jahrhundert, die Menschen tatsächlich eine Lebebensweise des Mittelalters haben wollten. Das bedeutet, dass diese Menschen in der Tat, den Islam so haben wollten. Für sie ist der Islam der einzige Ausweg aus ihrer Situation. Dann gab es da noch die Opportunisten, die sich den vorderen Reihen anschlossen, um sich zu bereichern. So kam es, dass die junge Generation von der Revolution enttäuscht wurde.



Hat sich im Familierecht mehr getan??

Shirin Ebadi: Ja, zum Glück ja. Unter anderem beim Sorgerecht. Gründe hierfür ist die fortgeschrittene Emanzipation, was aber die politischen Verhältnisse nicht betrifft.


Wieso haben die Reformer nicht mehr erreicht?

Shirin Ebadi:Ich glaube wenn die Reformkräfte, mehr auf die Stimme der Bevölkerung gehört hätten, mehr anerkannt hätten, wäre die jetzige Situation nicht entstanden. Als Herr Khatami zum ersten Mal gewählt worden ist, wurde einigen Schriftstellern die Frage gestellt, was Herr Khatami als Reformer tun sollte. Meine Antwort war: „Wir wissen, dass Herr Khatami als Repräsentant einer Regierung, als Reformer, mit großem Widerstand zu tun haben würde. Daher sollte Herr Khatami jede Woche mit den Menschen im öffentlichen Fernsehen über die Probleme des Landes offen und ehrlich reden.“

Herr Khatami hatte einige Male seinen Gegnern gegenüber eine Drohung geäußert. Wenn diese "so weiter machen würden wie bisher", würde Herr Khatami das Volk aufklären. Mehr als die Drohung war aber leider nicht der Fall.



Frau Ebadi nun zu ihrer Einzelhaft. Waren sie zu leichtsinnig?

Shirin Ebadi: Ich habe nie etwas Falsches gemacht, das die Regierung veranlasste, mich in Einzelhaft zu sperren. Einzig und allein war die Anzahl meiner politischen Mandanten kritisch. Sie war zu hoch, dadurch erlangte ich einen gewissen Bekanntheitsgrad. Im Verfahren 18. Tir, war ich die Anwältin der Angehörigen der toten Studenten. Gemäß dessen muss ein Anwalt Beweise vortragen. Es kam ein Zeuge, der wusste um die Kreise der Studenten. Ich fragte ihn, ob er bereit wäre eine Aussage zu geben. Er bejahte. Ich hielt die Aussage schriftlich fest. Er unterschrieb, dann wiederum reichte ich die Aussage als Beweisstück in Form einer Videokassette beim Gericht ein. Leider wurde die Aussage vom Gericht verworfen und es wurde verfügt mich und den Zeugen zu verhaften. Daraufhin widerrief der Zeuge seine Aussage. Ich wurde dann wegen Verbreitung von Lügen und Gefährdung der nationalen Sicherheit zu 26 Tagen Einzelhaft verurteilt.



Wie sind sie mit der permanenten Bedrohung umgegangen?

Shirin Ebadi: Wenn ein Mensch von dem, was er tut, von seiner Arbeit, überzeugt ist, ist er in jeder Lage entschlossen weiter zu machen. Vergessen sie nicht, ich bin eine Muslimin und ich glaube an Gott. Dadurch schöpfe ich meine Kraft. Die Angst ist ein Instinkt wie der Hunger. Man kann Hunger haben ohne es zu wollen. Mit der Angst ist es genauso. Ich habe aber gelernt damit umzugehen. Meine Arbeit lehrte mich dies.



Abschluss:

Das Interview ist beendet. Herr Bednarz bedankt sich bei Shirin Ebadi. Anschließend gibt es eine Signierstunde für ihr Buch. Shirin Ebadi schaut jedem einzeln ins Gesicht, lächelt und schreibt auf Wunsche eine Widmung als Dank. Sie erscheint mir als Vollprofi und als eine undurchschaubare Persönlichkeit. Sie weiß durchaus mit den typischen iranischen Floskeln, die Außenstehenden Personen in ihren Bann zu ziehen.

Mit viel Geduld widmet sie sich jedem Leser und Fan von ihr. Manchmal ein Nicken, manchmal ein paar Worte. Ich überlege wieder, wie ich Shirin Ebadi beobachte. Es gibt keine Sicherheit, keine Bodyguards. Wenn sie jemand umbringen wollte, wäre es so einfach. Wenn eine Frau auf einer Todesliste eines fundamentalistischen Regimes steht, wie kann sie dann so ungeschützt in einem Raum Unterschriften geben?

In mir hegt ein Zweifel. Ich glaube nicht an einen Auftragsmord. Aber ich kann auch nicht sagen, welche Rolle Shirin Ebadi tatsächlich in diesem System spielt. Ob sie wirklich die mutigste Frau Irans ist, bezweifele ich auch.

Ich war bei dieser Lesung, um mehr von Shirin Ebadi zu hören. Ich wollte erfahren, ob Shirin Ebadi mutig sei, sich offenen Fragen zu stellen. Mit all diesen Erwartung habe ich ihr zugehört und auf meine Chance gewartet. Nach all dem Kopfzerbrechen, welche Fragen ich nun stellen sollte, hatte ich am Ende nur eine Frage:

Frau Ebadi, können Sie sich vorstellen, dass eine Mullahregierung, die seit 26 Jahren tötet, unterdrückt und von der Bevölkerung gehasst wird, jemals freiwillig und ohne Zwang die Bühne für eine demokratische Regierung räumen wird?

Ich wurde bitter enttäuscht. Dazu kam es erst nicht. Und beantworten kann ich diese Frage wie jeder andere Iraner auch.


Von Araz
(Dank an Sherry und Eran für die Unterstützung)



© Iran-Now Network (INN)
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Veröffentlicht:
Dienstag, 02.05.2006 , 02:40 Uhr
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