
Qom. Beim Hören dieses Namens kommt wohl jedem etwas anderes in den Sinn. Dem einem fallen die schmackhaften Süßigkeiten ein, dem anderen „Hozeye Elmiyye“, die Mullahfabrik, die unermüdlich seit jeher Mullahs produziert. Kleine, große, moderate und fanatische, unbedeutende bis allmächtige Mullahs. Während dem einem der schöne Salzsee in den Sinn kommt, denkt der andere an die Schwester des achten Imams der Schiiten, Fatima, die dort begraben sein soll. Einigen mag auch der feine Teppich mit Landschaften oder Jagdszenen in den Sinn kommen, der Großteil aber wird den Gedanken an Ayatollah Khomeini, der dort gelebt, gelernt und unterrichtet hatte, nicht verdrängen können. So ist die paradoxe Stadt Qom schwarz-weiß wie die Turbane der Mullahs.
Von dieser Stadt aus hat Khomeini zum ersten Mal den Sturz des Schahs gefordert und angefangen, gegen den Monarchen zu hetzen. Heute vertreten die Iraner nahezu einstimmig die Ansicht, der Schah hätte ihn dingfest machen und wegen Gefährdung der nationalen Sicherheit wegsperren sollen, etwas, was sie seinem Vater Reza Schah durchaus zugetraut hätten. Doch 1964 schickte der Schah den damals - wie noch kurz vor dem Umbruch 1978 - völlig unbekannten Khomeini ins Exil. Aus heutiger Sicht macht man es sich leicht dem Schah die Schuld am Großwerden des Geistlichen zu geben. Nach dem Aufruhr von 1963 wollte er das Problem so human wie möglich aus der Welt oder genauer gesagt aus dem Iran schaffen, um ihm nicht mit einer Verhaftung auch noch zu Berühmtheit zu verhelfen. Ironie des Schicksals, dass gerade westliche Staaten wie England oder Frankreich, mit denen Iran in jeder Hinsicht gute Beziehungen pflegte, Khomeini durch Medien und Rundfunk nach 17 Jahren im Exil über Nacht als Retter des iranischen Volkes präsentieren sollten.
Heute noch, nach 28 Jahren Diktatur des Mullahregimes, halten westliche Staaten trotz verhängter Sanktionen der Vereinten Nationen und im Bewusstsein der unfassbaren Verletzung der grundlegendsten Menschenrechte im Iran ihre lukrativen Geschäfte mit dem Iran aufrecht. Abgesehen von einer dünnen reichen Schicht im Norden von Teheran, die sich für Geld alles kaufen und überall freikaufen kann, leidet jeder Teil der iranischen Gesellschaft gleichermaßen. Neben Frauen, Arbeitern oder Andersgläubigen zählt auch die Jugend Irans zu den Leidtragenden. Auf Grund von Arbeits- und Perspektivlosigkeit hat sich eine enorm große Anzahl an Drogensüchtigen herausgebildet. Iran steht sowohl beim Drogenkonsum als auch bei der Selbstmordrate von Frauen weltweit an erster Stelle.
Außerdem suchen nicht wenige Zuflucht beim Alkohol.
Da „im Gottesstaat kein Alkohol getrunken wird“, gibt es selbstverständlich keine genauen Statistiken über den Alkoholkonsum bzw. -missbrauch, da aber immer häufiger Todesfälle auf Grund des Genusses von hausgebrannten, giftigen Spirituosen bekannt werden, zählt nun auch offiziell der Alkohol zu den beliebtesten Sorgentötern der Iraner. Die "heilige" Stadt Qom bildet hier keineswegs eine Ausnahme. In der Wüste des islamischen Verbotes ist der Alkohol eine willkommene Karawanserei. Um für einige Stunden zumindest eine Fata Morgana der persönlichen Freiheit zu sehen, schütten viele Jugendliche das hausgemachte Zeug maßlos in sich rein und setzen damit nicht nur ihre Gesundheit aufs Spiel, sondern riskieren auch, im Falle, dass sie erwischt werden, öffentlich ausgepeitscht zu werden. Erst vor zwölf Tagen haben laut der Nachrichtenagentur Entekhab 50 Jugendliche in Qom unreinen Alkohol zu sich genommen, von denen 40 bereits tot sind; der Rest befindet sich in kritischem Zustand.
Der älteste Weinkrug, den Archäologen bislang gefunden haben (aus dem Jahr 5200 v. Chr.), ist im Westen Persiens am Fuße des Zagrosgebirges ausgegraben worden.
Man kann den Entdeckern des Weins nicht den Genuss von Alkohol untersagen, das wäre, als würde man einem Dichter das Reimen verbieten wollen, er denkt, fühlt und spricht in einem Klang. Der persische Dichter Hafez, der unter einer ähnlichen islamischen Herrschaft mit Repressalien und Unterdrückung leben musste, würde sagen:
"Binde einen Kelch an mein Leichentuch, auf dass
die Furcht ich vergesse am Tag der Auferstehung"Von unserem Gastautor Ramin
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