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Berlin 21:47 - Tehran 23:17 - Los Angeles 12:47 Freitag, 05.09.2008
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IM ZEITRAFFER
Die soziale Evolution und ihre Fettsäcke
img(Von Sherry)

Wir schreiben das Jahr 2008. Die Menschen sprechen von "großen Fortschritten" und "sozialer Evolution". "Menschenrechte" werden in fettgedruckter Schrift plakativ und hoch gepriesen an unsere Hochhäuser gepflastert, hinter deren Wänden eine alte, verlassene Mutter schon viele Tage tot in ihrem Erbrochenen liegt, bis der penetrante Verwesungsgeruch den Nachbarn belästigt. Ja, belästigt. Darin sind die kleinkarierten Mitgenossen hier ganz gut: Den Zeigefinger zu erheben, wenn sie sich belästigt fühlen, aber konsequent wegzuschauen, wenn eine junge Frau in der S-Bahn von einem Betrunkenen vergewaltigt wird.

"Ich weiß nicht genau, ich habe das letzte Mal vor vier Monaten mit meiner Mutter telefoniert. Ich habe mich auch gewundert, dass sie sich nicht mehr meldet, aber ich hatte soviel um die Ohren, Sie wissen schon, Verpflichtungen.", antwortet der junge, vielbeschäftigte Vater ratlos und weiß in dem Moment noch nichts von dem ähnlichen Schicksal, das ihn ereilen wird in der Einsamkeit der Stunde seines Todes, weil in dieser „humanen“ Gesellschaft Väter und Söhne miteinander brechen, als würden sie sich einer abgetragenen Unterhose entledigen. "Ja, natürlich. Ich verstehe schon. Verpflichtungen", nickt der Beamte mechanisch, ohne dabei einen Gedanken darüber zu verschwenden, die tote Mutter hätte wenn schon nicht zur Kategorie „Liebe & Familie“, dann doch wenigstens zur Kategorie „alltägliche Verpflichtungen“ gehören können – nein müssen.

Die Wissenschaft wird hoch gelobt. Die "Wunder der Medizin" häufen sich von Tag zu Tag, Genmanipulation, Gentechnik, Krebsforschung – wundervolle Aussichten werden raus geschrien wie auf dem Bazar: "Alterungs-Gen wurde entdeckt und kann entschlüsselt werden – ist das die Realisierung der ewigen Jugend?" Wohlhabende Menschen schließen groteske Verträge ab, in denen besiegelt wird, dass sie nach ihrem Ableben ihren Kopf abtrennen und einfrieren lassen für den Fall, dass die Medizin in zig Jahren so weit ist, dass sie es schafft, den Kopf auf einen neuen (am besten jungen und makellosen) Körper eines nicht so gut situierten Unfallopfers anzunähen und ihn wieder zum Leben zu erwecken. Die richtig Reichen suchen sich die angenehmere Variante aus und lassen sich ganz-körper einfrieren.

Ein verrückter Professor macht derweil schon seine ersten Experimente in dieser Richtung – mitten in seinem Grusellabor, legt er zwei halb-narkotisierte Schimpansen nebeneinander und vertauscht ihnen die amputierten Köpfe, um zu sehen, ob es denn "theoretisch" möglich wäre, einen Organismus auf diese Art und Weise weiter am Leben - entschuldigen Sie – atmen zu erhalten. "Alles eine Sache der Technik. Eine Sache der Wissenschaft - bald sind wir soweit, meine Damen und Herren, dass die Schimpansen dabei nicht nur halb-komatös und schmerz-gepeinigt auf dem OP-Tisch liegen, sondern richtig munter rumhüpfen."

"Das Universum ist unendlich - und wir haben die Macht!" - immer wieder neue Sensationen, immer wieder neue Wundermittel - und synchron dazu immer wieder neue Krankheiten, Plagen, unaufhaltsame Epidemien - wie zum Beispiel das „Altern“.

Wie unglücklich die Pharma-Mafia - ich meine die Industrie - doch wäre, gäbe es keine Krankheiten in gut-situierten Gesellschaften. Wie sehr würde das Geschäft darunter leiden? "Arbeitet diese Industrie wirklich an den Gegenmitteln oder doch schon an der der Konstruktion der Krankheiten von morgen?" Die Frage wird immer offen bleiben - die Antwort stets versiegelt. Nach zwei Sekunden schon – nach recht gut konditionierter Manier – tun wir unsere Gedanken als Paranoia ab. Und wenn uns nicht gleich etwas zu Konsumierendes wie Sex, Gewalt, Drogen, Handys oder Schokolade über den Weg läuft, bleibt sogar doch noch der bittere Nachgeschmack der subtilen Zweifel länger an uns haften, als eigentlich von "da oben" aus den Zentren des "demokratisch-liberalen Staates" gedacht war. Doch Zweifel können sogar bei den Hellsichtigen durch einwenig „Fun“ verschwinden, sogar noch dann, während man nebenbei aus irgendeinem der vielseitigen Medien entnimmt, dass die Pharma-Industrie keine AIDS-Medikamente an afrikanische Länder verkauft, weil das Geschäft sich nicht als rentabel genug erweisen würde.

"Humanismus schön und gut - aber warum den Preis senken und an das Land anpassen, wenn wir dafür mehr verdienen können?" - Ohne, dass man selber merkt, welchem Denkschema wir inzwischen verfallen sind, beruhigen wir uns noch selbst: "Klar, ist verständlich. Jeder muss das tun, was ihm am meisten Profit bringt. Was soll man machen?" – Der selbe große Mann (Bush Junior), der diesbezüglich gegenüber etlichen AIDS-Waisen und Kranken für die freie Marktwirtschaft stand und die Aussage der Pharma-Industrie verteidigte, kam irgendwann auf die Idee, für seine 15 Mrd. Dollar Aids-Initiative zu werben (natürlich aus rein selbstlosen Motiven und nicht etwa, weil er die US-Position und die Stellung amerikanischer Konzerne in Afrika auf Kosten imperialistischer Rivalen und ideologischen Brüdern wie Frankreich stärken will). Im vielleicht widerlichsten Moment einer zynischen und holly- oder bollywoodhaften Tour umarmt er vor laufenden Kameras Aids-Waisen, während seine Frau plakativ Tränen vergießt. "Und? Schon geknipst? Oke, nächstes Bündel Kinder bitte." Dass seine Aids-Initiative sich schon dann als Farce erwies, während er noch für die Fotos posierte, indem seine republikanische Partei die Zahlungen für den Fonds um mehr als eindrittel kürzte, tat nichts mehr zur Sache. Die wundervoll sentimentalen Fotos eines strahlenden Bush’s mit dem Elend von Waisen in seinen trostspendenden Armen, waren dienlich genug. Immerhin musste die Kriegsausrüstung aktualisiert werden - Thema abgehakt. Man hat immerhin sein Bestes gegeben. „Dabei ist alles“.

Die Menschenliebe ist groß. So groß, so atemberaubend groß, dass man sogar bereit ist, für die Ausbreitung der herrlichen Ideologie der „Demokratie und Menschenrechte“, den Weltfrieden und nicht zuletzt für die Sicherheit der "zivilisierten Welt" die eigenen, geliebten und ehrwürdigen Soldaten zu opfern. Für ein höheres Ziel zu kämpfen, das heilige Gottesland USA gegen all die niederträchtigen Neider zu verteidigen – das ist doch jedem patriotischen Amerikaner eine Ehre. Andere Länder zu zerbomben, menschliche Körper in Fetzen zu reißen - natürlich aus völlig legitimen Gründen – das muss doch jedem Humanisten klar sein – ist eine notwendige Maßnahme zur Einführung edler Werte.

Massenvernichtungswaffen, Kooperationen mit irrsinnigen Terroristen, Menschen, die die gottgegebene Herrlichkeit Amerikas antasten wollen müssen doch auf der Stelle gestoppt werden. „Oh my God!“ Nachdem das Geschäft erledigt, die Leichenberge groß, die elternlosen Kinder verhungert sind und das orientierungslose Kind auf der Straße von einem US-Soldaten einen Happy-End-Lolli überreicht bekommt, erinnert man sich irgendwann wieder an den eigentlichen Grund dieser gut gemeinten Invasionen und stellt sich die Frage: "Und wo sind jetzt die Massenvernichtungswaffen?" - "Öhm, die Massenvernichtungswaffen haben wir immer noch nicht gefunden - die befinden sich in ‚metaphysischer’ Form jetzt sicher im Iran. Lasst uns mal rüberschielen gehen, Jungs!"

Doch all die Widersprüche interessieren den gewöhnlichen Couch-Potato nicht, wenn er doch die einmalige Chance bekommt, sich von den „Medien“ die Angst einpflanzen zu lassen, die dazu benötigt wird, um den nächsten militärischen Anschlag "da hinten wo die Barbaren leben" anzupeilen. „Ach, Tote. Tote habe ich auch im letzten Action-Thriller gesehen. Außerdem handelt es sich um Notwehr! So ist das Leben! Sollen die uns doch in Ruhe lassen, selbst Schuld. Amerika antwortet eben nur!"

Schweißgebadet durch die Vorstellung, dass jede Sekunde so ein verrückter Terrorist ("Was überhaupt wollen die von uns? Was haben wir ihnen getan? Sind sie neidisch auf unsere Schönheit? Unsere halbnackten Frauen?") die eigenen vier Wände völlig willkürlich und ohne ersichtlichen Grund in die Luft sprengen könnte, lässt er sich durch jede Rede über „Die Lage der Nation“ wie ein kleines Baby beruhigen und schmiegt sich an die potente, phallus-strotzende Drohgebärde seines Vaterlandes und summt die Nationalhymne, bis er in Disney-World seine Träume findet. "Wie gut es ist, ein Amerikaner zu sein...", brabbelt er und schläft sich in der Geborgenheit seines Rechtes auf „The American Way Of Life“ die Sorgen aus dem Leib.

Auf die Idee, dass der Fettsack fett sein kann, weil andere Teile der Welt mit struktureller Gewalt, einem organisiertem Mangel und Verschuldungen in Milliardenhöhen in der Gosse gehalten werden, kommt man erst gar nicht. Dass der Fettsack fett sein kann, weil in seinem göttlichen Land die Herrscher sich empört fragen "Was die verdammten Schwarzköpfe da hinten" denn mit ihrem Öl machen und dieser Gedanke sie auf die abartigsten Ideen bringt, um das ihnen eigentlich "zustehende", schwarze Gold letztendlich doch noch zu erlangen ("Gott muss sich einfach bei der Verteilung der Ressourcen geirrt haben. Wir sind doch die Guten - das hat Hollywood doch schon längst herausgefunden!"), kommt man erst gar nicht.

Ja, die Regionen dieser Welt beneiden Miniröcke, Hamburger, Bier und Wurst, denkt sich der Fettsack aus Europa und USA, dessen größte Sorge der nächste Gang auf’s Klo ist, weil er nicht einschätzen kann, ob die Werbung auch wirklich länger läuft, als er kacken muss - aber auf die Idee, dass die Barbaren da hinten einfach satt sein wollen und sich fragen, wie es denn sein kann, nichts zu haben, obwohl man zu den ressourcen-reichsten Ländern gehört, fragt sich der Fettsack nicht. Er frisst einfach nur und merkt nicht, wie ihm das Blut jener „von dahinten“ von den Mundwinkeln runter trieft. Pikiert schüttelt er während dessen den Kopf darüber, dass die "Araber" Israel vernichten wollen - ein kleiner Blick weiter nach rechts der Nah-Ost-Karte hätte ihn vielleicht daran erinnert, dass sein Vaterland Afghanistan regelmäßig zurück in die Steinzeit gebombt hat, jedes mal ein Stückchen mehr. Oder war es jetzt Irak? Huch, das weiß er jetzt nicht mehr so ganz genau – er hat so viele Kriegsfilme gesehen, dass er nicht mehr zwischen Hollywood und den seriösen Nachrichtenagenturen unterscheiden kann, die Dich den Krieg jedes Mal gespannt mitverfolgen lassen.

Der Couch-Potato ist unbekümmert. Für ihn ist der "Dreck", der Staub, das Blut an der Haut dieser Menschen ein weiterer Beweis dafür, dass es sich dabei nicht um Menschen handelt, sondern eben um Barbaren. In modernen, liberalen Zeiten tötet und profitiert man doch nicht aufgrund von Religionen - das ist etwas für die Rückständigen da hinten. Heute macht man das auf der Basis anderer, progressiver Ideologien: Der Wirtschaftspolitik. Diese Ideologie ist viel standfester und hat alle Märkte fest im Griff - keiner wagt, den Mund auf zu machen, denn alle würden bei der kleinsten Revolte unter einem Crash leiden, der ihnen die Hosen ausziehen würde - und jeder, wirklich jeder braucht doch Geld. Auf Gott und Religion kann man verzichten, sie anzweifeln - Propheten kann man abwinken und für verrückt erklären - aber das gute Geld ist eine Realität, die unumgänglich ist. Die Wahrheit überhaupt. Unser Recht, unser Lebenselixier, der Stoff, aus dem unsere Freiheit erschaffen wurde und aus dem unsere Träume sich erheben und als Realität manifestieren.

Der Fettsack greift in seine Chipstüte, bestellt sich eine Pizza, den nächsten Kriegsfilm und eine Prostituierte. Und für diese Dienste und für diese Freiheit steht seine Freiheitsstatue erhobenen Hauptes stolz in der Nation und gibt allen anderen, zivilisierten Fettsäcken einen Vorgeschmack von Moral, Anstand, Vaterland, der Prostitution und der Gottesfurcht.

Sollten Sie sich noch immer nicht angesprochen fühlen, dann ändern Sie das bitte jetzt. Ich muss da nämlich jetzt auch durch.





© Sherry / INN
Anregungen und Kritik bitte an: sherry(at)iran-now.net

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Veröffentlicht:
Dienstag, 25.03.2008 , 23:07 Uhr
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