
Als Burton Richter, ein amerikanischer Nobelpreisträger der Physik, das Hörsaal der angesehenen Sharif Universität in Teheran betritt, stehen hunderte von iranischen Stunden auf, um ihn einen langen und ihm würdigen Applaus zu schenken. Doch Richter, der in seinem weißen Anzug und seinem Gehstock einen sehr ehrwürdigen Eindruck hinterlässt, sagt, dass er die Person ist, der hier beeindruckt zu sein hat.
"Die Studenten hier sind sehr beeindruckend", sagt Richter und lobt dabei das hohe Bildungslevel der Sharif Universität. "Ich bin mir sicher, dass ich von Ihnen in Zukunft noch viel Positives hören werde."
Die Studenten - junge Männer und Frauen - sitzen mit ihren Rucksäcken, Koffern und Notebooks auf ihren Sitzen, schauen ihn an und kichern aus Verlegenheit. Eine Studentin schießt Bilder vom Stanford Professor, der heute im Ruhestand ist. Sein Besuch letzten Monat war ein Teil eines privat finanzierten, akademischen Programms, das von der „National Academies der United States and Universities“ im Iran unterstützt wird.
"Herr Richter ist ein großes Vorbild für uns", erklärt Ismael Hosseini, ein 23 jähriger Elektrotechniker, enthusiastisch, der es geschafft hatte, sich einen Sitz nahe der Bühne zu erkämpfen. "Doch schon bald", sagt er hoffnungsvoll, "werde ich einem iranischen Wissenschaftler zuhören, der einen Nobelpreis für seine Arbeit erhalten hat! Wir alle, die wir hier sind, studieren und forschen sehr hart, um eines Tages die Ehre zu erhalten, einen Nobelpreis in der Hand halten zu dürfen."
Irans Beschluss, ein Nuklearenergie-Programm zu entwickeln, ist Teil eines breiteren Bestrebens, die technologische Unabhängigkeit des Landes voranzutreiben und Iran als eines der fortschrittlichsten Länder der Welt zu präsentieren. Die Staatsfürung, die vor drei Jahrzehnten die Macht von einem Machthaber entriss, der nach Meinung der neuen Regierung zu sehr vom Westen abhängig war, investiert stark in die Wissenschaft und in die industrielle Entwicklung. Doch kritische Stimmen behaupten, dass die staatliche Förderung unbeständig sei – und dass diese Unbeständigkeit mehr als einmal dazu geführt hat, dass Irans technologische Zielsetzungen unerfüllt blieben.
Dennoch behaupten iranische Wissenschaftler, Durchbrüche in den Bereichen Nanotechnologie, Biologie (Erweiterung der Grenzen der Stammzellenforschung) und der Autoindustrie erlangt zu haben. Im Iran sollen mehr Autos produziert werden, als sonst an einem Ort dieser Region.
"Iran ist bestrebt, zur Gruppe jener Länder zu gehören, die die großen Disziplinen der Wissenschaft erforschen wollen - zum Beispiel den Weltraum.", sagte Richter bei seinem Vortrag in der Sharif Universtät, die die besten Studenten des Landes anzieht. Jedes Jahr nehmen 1.5 Millionen junge Iraner an den überaus harten Aufnahmeprüfungen der Universitäten (Concours) teil. Von 500.000 Studenten, die durchkommen und Anspruch auf eine akademische Ausbildung erlangen, dürfen nur 800 ausgewählte Studenten an der Sharif Universtät studieren. Diese werden dann als iranische MIT (Massachusetts Institute of Technology) betrachtet.
In der Sharif Universität arbeiten und forschen Studenten in Gebieten, die die Raumfahrt und Nanotechnologie mit einschließen. Während einige vorzeitig im iranischen Nuklearprogramm landen oder in anderen technologischen Gebieten im Iran eine Arbeit finden, werden viele vor allem promovierte Wissenschaftler durch Industrien oder Universitäten in Australien, Kanada oder den Vereinigten Staaten abgeworben und eingestellt.
"Unsere Gäste aus dem Ausland sind sehr oft verblüfft, wenn sie unsere modernen Laboratorien und vor allem auch unsere weiblichen Promotionsstudenten sehen. Oft hatten sie vor ihrem Besuch ein völlig anderes Bild von Iran, das für sie nicht als akademisches, gebildetes Land galt", erläutert der Sharif Professor Abdolhassan Vafai stolz. "Wir bilden hier unsere Studenten darin aus, Lösungen für Probleme zu finden, die die ganze Menschheit betreffen. Probleme wie Hunger, globale Erwärmung und Wasserknappheit."
Doch die andere Seite der Realität sieht so aus, dass iranische Wissenschaftler sich auch für staats-ideologische Inhalte anbieten müssen. Zum Beispiel hält der Führer der Islamischen Republik immer wieder hoch, dass die Erfindungen und Erfolge iranischer Wissenschaftler ein klarer Beweis dafür sind, dass die Islamische Revolution 1979 das Land unabhängig, selbstbewusst und autark gemacht hat.
Als Präsident Mahmoud Ahmadinejad im Februar das erste iranische Weltraumzentrum eröffnet, erteilt er den Startbefehl der ersten Testrakete in den Weltrarum und verkündet, dass keine Macht den Willen Irans bezwingen könne.
Iran hofft nun, seinen zweiten Satelliten zu starten. Der Erste wurde durch eine kommerzielle, russische Firma ins All gestartet - und das innerhalb von Wochen -, indem sie eine vor Ort gebaute Rakete benutzt hatten. Jedoch können Irans Fortschritte auf diesem Gebiet nicht unabhängigen Instanzen bestätigt werden.
Irans oberster Führer Ayatollah Ali Khamenei hat wissenschaftliche Durchbrüche vor allem auch aus geopolitischen Gründen gefördert. "Wenn Ihr wissenschaftlichen Erfolg anstrebt, bedingt Ihr gleichzeitig auch den Missmut und die Unzufriedenheit der Feinde der Revolution!", sagte Khamenei 2006 während eines Besuches in Irans Stammzellenforschungs-Zentrum.
1979 beschuldigten Revolutionsanhänger Shah Mohammad Reza Pahlavi, der lange Zeit von der damaligen US-Administration unterstützt worden ist, Iran von anderen Ländern im Gebiet der Technologie und des Militärequipments abhängig gemacht zu haben.
Während des Iran-Irak Krieges in den 80-er Jahren stand Iran einem Feind gegenüber, der durch die Supermächte und einige andere Staaten unterstützt worden ist und Iran als Einzelkämpfer isolierte. Geschwader der in Amerika gebauten F-4 Kampfjets blieben aufgrund der US-Sanktionen und der dadurch verwehrten Ersatzteile gegen Iran am Boden.
"Im Krieg war die ganze Welt gegen uns. Wir wurden gezwungen, zu erkennen, dass wir auf unseren eigenen zwei Füßen stehen müssen!", sagt Manouchehr Manteqi, Hauptgeschäftsführer von Irans größtem Automobilhersteller "Khodro". Die staatliche Industrie produzierte 2007 mehr als 600.000 Autos. Es gibt kein Land im Mittleren Osten, das annähernd soviel produziert wie Iran. Indiens Tata Motoren produzierte 2007 nur ungefähr 400.000 Fahrzeuge. Die französische Autoindustrie Peugeot Citroen - mit der Iran Khodro eine Zusammenarbeit pflegt - produzierte weltweit ungefähr 3.5 Millionen Fahrzeuge pro Jahr.
"Die Sanktionen hatten uns gezwungen, unsere vollen Kapazitäten auszuschöpfen. All das, was wir damals lernten, bringen wir heute in den Handelt", erklärt Manteqi, der während des Interviews im März Arbeiterkleidung trug, um eine Einheit zwischen sich und seinen Fließbandarbeiter-Kollegen zu demonstrieren.
Die Iraner sind besorgt über die Auswirkungen der U.N-Sanktionen, die wegen ihres Atomprogrammes auf Iran verhängt worden sind. "Durch diese Sanktionen werden wir mit der Zeit in unserer Mitarbeit mit anderen Ländern beschränkt.", sagt Manteqi. "Sie meinen, dass auch andere Irans Potenzial nicht nutzen können, so wie andere Autohersteller, mit denen wir zusammenarbeiten wollen. Iran benötigt 1.5 Millionen Autos im Jahr - das ist ein sehr interessanter Markt für uns. Unter den Sanktionen müssen wir dazu in der Lage sein, eigene Dinge herzustellen, aber wir sind inzwischen daran gewöhnt."
"Wenn der Westen unsere Nuklear Technologie ablehnt und verurteilt, wird das zwangsläufig dazu führen, dass sie uns durch diesen effektiven Druck dazu verleiten, die Wissenschaft auf anderen Gebieten stark auszubauen und zu erforschen", sagte Nasser Aghdami aus dem staatlich finanzierten Institut für Stammzellenforschung. "Die religiösen Führer haben entschieden, dass wir an Föten bis zum 4. Monat forschen dürfen.", erklärte er. "Wir tauschen uns zudem auch mit Wissenschaftlern aus den USA aus. Ich bin der Meinung, dass Wissenschaft über der Politik stehen sollte.", sagt er überzeugt.
Doch als er eine neue Ultrazentrifugemaschine bestellen will, die für die weitere Forschung benötigt wird, findet er heraus, dass das Stück ihm nicht geliefert werden darf, weil es als "zweifach verwendbare Technologie" gilt, die man hätte auch für das Nuklearprogramm anwenden können. Die Kernzentrifugen, die der Iran produziert, können nicht für die Stammzellenforschung benutzt werden.
"Diese Hürden zeigen uns nur eines: Dass wir noch viel mehr Willenskraft und Ausdauer benötigen, um unser Ziel zu erreichen", sagt Aghdami entschlossen. "Iranische Stammzellenforscher bemühen sich bereits und sind in Projekte involviert, die sich mit der Umprogrammierung von Hautzellen beschäftigen, um auf dieser Basis vielleicht ethnische Konflikte irgendwann überbrücken zu können.", sagt er. "Nur drei andere Länder - Deutschland, die USA und Japan - sind bezüglich dieses Forschungsgebietes involviert. Wir sind stolz darauf, dass wir von uns behaupten können, mit den Besten auf einer Augenhöhe stehen zu können."
Iran machte schon in seiner Antike und selbst nach der arabisch-islamischen Invasion viele Entdeckungen in naturwissenschaftlichen Bereichen, in der Mathematik und Philosophie. Im 7. Jahrhundert entwickelten und entdeckten persische Wissenschaftler viel, das den heutigen Wissensstandard des Westens maßgeblich beeinflusst hat. Muhammad ibn Zakariya Razi war es, der den (medizinischen) Alkohol in seiner chemischen Zusammensetzung definiert hat und somit eigenständig synthetisieren konnte. Im Bereich der Mathematik, Chemie und Medizin haben die Iraner einen großen Beitrag für die Menschheit geleistet. Abu Sina - im Westen eher bekannt als Avicenna - vererbte der Menschheit eine wichtige Basis für die medizinische Forschung. Jeder Mediziner – egal, aus welchem Land er stammt – weiß, wer Avicenna ist.
"Jeder wünscht sich, dass seine Kinder hier studieren können. Steigen Sie in ein Taxi in Teheran ein - und der Taxifahrer wird Ihnen erzählen, dass das sein Zweit- oder Dritt Job ist, um seinen Kindern die akademische Ausbildung in der Universität finanzieren zu können", erzählt Hashem Rafii-Tabar, ein Professor eines Forschungsinstitutes in Teheran. Vor sechs Jahren kehrte er in sein Heimatland Iran zurück, um eine Abteilung für Nanotechnologie für eine Arbeitsgemeinschaft von neun iranischen Universitäten zu gründen. Seine Studenten sind dabei, ein Konzept zu entwerfen, das Nanogeräte dazu befähigt, Krebszellen zu identifizieren und zu zerstören.
Die iranische Regierung unterstützt das Nanotechnologie-Projekt. Letzten Monat wurde ein Hochleistungsrechenzentrum speziell für Anwendungen der Nanotechnologie eröffnet, das von der Regierung finanziert worden ist.
Rafii-Tabar hat beobachtet, dass wissenschaftliche Projekte im Iran anfangs oft mit sehr viel Begeisterung anfangen und sich dann aber im Sande verlaufen. "Wenn ein neues Forschungsgebiet in Angriff genommen wird, dann entwickelt sich das und wird dann an den Universitäten unterrichtet. Aber Änderungen in der Regierung haben oft bewirkt, dass Projekte in der Vergangenheit ins Stocken gekommen sind oder ganz gestoppt wurden.", sagt er. "Wir sind groß in der Informatik gewesen, aber wir brauchen immer noch fremde Software für unsere Geldautomaten."
In der Iran Khodro Fabrik, westlich von Teheran, war die Tagschicht gerade zu Ende. Doch Manteqi ist noch nicht gegangen. "Ich muss härter als alle anderen arbeiten, weil viele Dinge immer noch schiefgehen.", erklärt er lächelnd. "Wie der verstorbene Ayatollah Khomeini zu seinen Lebzeiten schon sagte: 'Wenn wir was wollen, dann können wir das machen.' Wir haben mehr Experten und Fachmänner im Iran als irgendein anderes Nachbarland. Wenn unsere Wissenschaftler richtig geführt werden, dann können wir unsere Ziele realisieren. Es wäre schön, es mit der Zusammenarbeit mit dem Rest der Welt vollziehen zu können - doch wenn es nötig ist und nicht anders geht, schaffen wir das auch alleine."
© Sherry / INNQuelle: Washingtonpost